Unistellar eVscope - Zweites Fazit (Version 1.1)

Einführung | Wo stehen wir mit Version 1.1? | Was fehlt (immer) noch? Was könnte man sich noch wünschen? | Hat sich meine generelle Einschätzung verändert, und wenn ja, wie? | Abschluss | Links

Auf dieser Seite stelle ich mein zweites Fazit (Oktober 2020) zu meinem elektronischen 4,5"-Newton-Teleskop Unistellar eVscope (Mitte November 2017 bei Kickstarter beteiligt, am 27.1.2020 eingetroffen) zusammen, das den App Versionsstand 1.1 reflektiert. Vielleicht ist all dies auch nützlich für andere, die sich das eVscope zulegen möchten...

Hinweise:

 

Einführung

Im November 2017 habe ich über den "Abenteuer Astronomie"-Newsletter vom Unistellar eVscope zum ersten Male erfahren. Bereits seit einigen Wochen lief eine Kickstarter-Kampagne zu diesem neuartigen Teleskop, das man der "elektronisch unterstützten Astronomie" (electronically augmented astronomy, EAA) zurechnen kann, und ich habe mich auch beteiligt (die Kampagne lief bis zum 24.11.2017 mit am Ende über 2100 Unterstützern und über 2 Millionen Dollar Unterstützungskapital). Leider war es jedoch schon viel zu spät, um noch eines der beiden günstigen Angebote zu ergattern. Mein eVscope wurde Ende Januar 2020 ausgeliefert.

Fotos: Mein eVscope (Ende Januar 2020)

Von Mitte August bis Ende September 2020 war ich Teilnehmer an einem Beta-Test der neuen App-Version 1.1, die am 5.10.2020 "still" veröffentlicht und am 6.10.2020 auch offiziell in einem Newsletter angekündigt wurde; dazu stieß ich auf ein Video, das diese Version mit ihren Neuerungen vorstellt. Diese Version bietet eine Reihe lange gewünschter Neuerungen, die ich auf Seite Erste Erfahrungen Teil 3 ausführlicher darstelle(n werde). Und sie bietet mir die Gelegenheit, ein weiteres Mal Bilanz zu ziehen und zu fragen, wie weit das eVscope seine Ziele und die Wünsche seiner Besitzer erreicht hat - und was aus meiner Sicht und der von anderen noch zu tun wäre, um das eVscope, im Rahmen seiner technischen Grenzen, zum "idealen Teleskop" zu machen.

Bis Anfang Oktober wurden laut Newsletter übrigens fast 3000 eVscopes ausgeliefert, aber dies waren noch längst nicht alle Geräte, die in zwei Crowd-Funding-Kampagnen bestellt worden waren. Laut Kickstarter waren es laut Website Anfang Oktober gut 2500 Teleskope, die in Europa, den USA, and Kanada ausgeliefert worden sind (da die Kampagne gut 2100 Teleskope erbrachte, muss sich die Zahl ebenfalls auf die Gesamtmenge beziehen).

 

Wo stehen wir mit Version 1.1?

Bevor ich auf die Veränderungen eingehe, die Version 1.1 brachte, möchte ich kurz rekapitulieren, was Version 1.0 gegenüber dem "Originalzustand" an Verbesserungen brachte:

Gegenüber dem "Originalzustand" kamen für mich als wichtigste Verbesserungen die Nutzung der gesamten Sensorfläche für Fotos und die Möglichkeit, das iPad mit der App zu nutzen (hätte es die letztere Möglichkeit von Anfang an gegeben, hätte ich kein iPhone zu kaufen brauchen...). Andere Verbesserungen betrafen Dinge, die schon zu Beginn hätten da sein sollen oder nützlich, aber nicht "weltbewegend" waren. Alles in allem, konnte ich am Ende der Version 1.0 mit Sicherheit besser mit dem eVscope arbeiten als an deren Anfang und als auch davor (vor Version 1.0).

Die neue App-Version 1.1 bietet laut Apple Store neben Fehlerbehebungen und diversen Verbesserungen der Benutzeroberfläche (was auch immer das bedeuten mag...) die folgenden Neuerungen (in meinen eigenen Formulierungen):

Als angenehm empfinde ich, dass Objekte im Enhanced Vision-Modus nun gespeichert werden, bevor das Goto ein neues Objekt anfährt; so wird die Verweilzeit im Enhanced Vision-Modus optimal genutzt. Ich hatte diese Änderung vorgeschlagen, sicher aber auch andere eVscope-Besitzer. Vielleicht ist dies eine der Änderungen, die unter "eine deutliche und automatisierte Verbesserung der Beobachtung" fallen...

Die Möglichkeit, ein vergrößertes Bild bewegen zu können, so dass man das Objekt wieder in die Bildmitte holen kann, ist für mich eine große Hilfe und Verbesserung. Nun verwende ich die Bildvergrößerung viel öfter. Allerdings frage ich mich, wieso dies nicht von Anfang an möglich war... Die Anzeige für die Verweildauer im Enhanced Vision-Modus ist auch sehr nützlich, nur leider wird die Verweildauer nicht mit dem Foto abgespeichert. Dazu weiter unten mehr! Inwieweit die Veränderungen an den manuellen Reglern des Enhanced Vision-Modus eine Verbesserung gebracht haben, muss die Erfahrung zeigen. Ich hätte "klassische" Histogrammregler bevorzugt (vielleicht sogar auf der Basis eines logarithmischen Histogramms).

Das Speichern von Bildern im Live-Modus ist für Mond- und Planetenaufnahmen sehr nützlich und eine willkommene (und oft nachgefragte) Ergänzung.

Alles in allem hat Unistellar auf eine Reihe von Benutzerwünschen reagiert, aber längst nicht alle (meine) Wünsche realisiert. Darauf gehe ich im Folgenden ein.

 

Was fehlt (immer) noch? Was könnte man sich noch wünschen?

Die für mich immer noch bestehenden Hauptprobleme der App sind ihre Instabilität, die häufigen WLAN-Verbindungsabbrüche, die Enhanced Vision-Modus-Abbrüche und diverse kleine Nicklichkeiten (plötzlicher Wechsel in den Beobachter-Modus, Deaktivierung bestimmter Tasten ohne ersichtlichen Grund, ...), die das Arbeiten mit dem eVscope manchmal zur Geduldsprobe machen und einem dem Spaß verderben können. Der App fehlt also immer noch eine ausreichende Stabilität und Zuverlässigkeit. Anderserseits habe ich mich an die Abläufe gewöhnt und empfinde sie als einfach und verständlich.

Außerdem, und schon lange, wünsche ich mir eine Aufzeichnung der Aufnahmedaten, die in verschiedener Form denkbar ist:

Es kann sein, dass dies alles in den Daten steht, die auf den SETI-Server übertragen werden, aber erstens klappt das bei mir mit der Übertragung selten, außerdem dauert die Übertragung lange, und zuguterletzt habe ich ja auch gar keinen Zugriff auf diese Daten, obwohl dies für die Zukunft von Unistellar versprochen worden war.

Ein weiterer Wunsch, aber das wäre dann schon Luxus, wäre ein "kleiner" Mosaikmodus à la Vaonis Vespera/Stellina (bis 4 x 4 oder sogar bis 10 x 10). Damit könnte man das kleine Bildfeld des eVscopes kompensieren und ein "Rich-Field"-Teleskop aus dem eVscope machen, natürlich auf Kosten des schnellen Beobachtens... Das Mosaik müsste auch nicht "quadratisch", sondern könnte auch rechteckig sein (Hoch- oder Querformat), je nach Himmelsobjekt.

DSO, die nicht im Katalog des eVscopes enthalten sind, kann man anfahren, indem man die Koordinaten eingibt (J2000). Nützlich wäre es, Objekte, die man über Koordinaten aufsucht, als benutzer-definierte Objekte speichern könnte. Diesen Wunsch hat mir Unistellar bisher leider nicht erfüllt...

 

Hat sich meine generelle Einschätzung verändert, und wenn ja, wie?

Im folgenden greife ich die Punkte meines ersten Fazits auf und überprüfe, ob ich die Einschätzungen, die ich dort abgegeben habe, noch teile - und wenn nicht, warum nicht mehr...

DSO-Bibliothek

Ich dokumentiere meine DSO-Beobachtungen auf meiner Website, was sehr viel Arbeit macht. Mit dem eVscope habe ich nun die Möglichkeit, beobachtete DSO zu fotografieren und damit eine Erinnerung in Form eines Fotos festzuhalten, die sich immer wieder aufrufen und weitergeben lässt. Deshalb hatte ich angekündigt, mit den Fotos eine Art "eVscope-Fotobibliothek" von Himmelsobjekten anzulegen. Das habe ich in der Tat begonnen, und geht natürlich weiter. Allerdings werde mir überlegen müssen, wier ich mit den Massen von Fotos, die im Laufe der Zeit entstehen umgehen werde...

Unterstützung der Visuellen Beobachtung

Hierzu ist es bisher praktisch nicht gekommen, weil ich aus verschiedenen Gründen fast nur mit dem eVscope beobachtet habe. Trotzdem bin ich nach wie vor überzeugt, dass mir meine eVscope-Fotos auch für die visuelle Beobachtung nützlich sein werden.

Erwarte das Unerwartete!

Eine etwas überraschende Erfahrung mit dem eVscope war für mich, dass es immer wieder für eine Überraschung gut ist. Damit meine ich, dass man auf den Fotos Objekte findet, mit denen man nicht gerechnet hatte und die man meistens vorher gar nicht kannte. Dies hat sich weiterhin immer wieder bestätigt.

eVscope zum "Schnellspechteln"?

Das gilt weiterhin! Aber man sollte das eVscope rechtzeitig nach draussen stellen, damit es sich abkühlen kann. Und vor allem sollte man sich Zeit nehmen, das eVscope vor der Beobachtungssitzung auf seine Schärfe zu überprüfen, denn sonst ist eine Enttäuschung vorprogrammiert! Außerdem sollte man ab und zu schauen, ob die Kollimation noch stimmt und ob nicht eine Dunkelbildaufnahme angeraten scheint. Dies sind natürlich alles Dinge, die einen bremsen und deshalb gern weggelassen werden...

Flexibilität des eVscopes

Das eVscope stelle eine integrierte Komplettlösung dar und man kann nur darauf vertrauen, dass die Unistellar-Entwickler einen guten Kompromiss beim eVscope gefunden haben - und das hatten sie meiner Ansicht nach! Und je mehr ich beobachte, desto mehr glaube ich, dass wirklich ein guter Kompromiss gewählt wurde. Und weil man nicht alles in einem Gerät haben kann, habe ich mich entschossen, das Vaonis Vespera in einer Kickstarter-Kampagne zu unterstützen, um mehr Bildfeld für größere Nebel und Sternhaufen zu erhalten (auch dank seines Mosaik-Modus).

Zum Thema "Flexibilität" gehört auch die Transportfähigkeit. Unistellar betont, dass das eVscope leicht genug ist, um transportiert werden zu können. Und ich hatte im ersten Fazit geschrieben, dass ich es Arnaud Malvache nicht gleichtun und das eVscope auf dem Rücken auf einen Berg tragen werde (in meinem Fall ist das der Heiligenstein)... Auch da wird das Vespera mit seinen 5 kg (plus Rucksack und Stativ) neue Perspektiven eröffnen!

Ist das eVscope ein Spielzeug, kann es langweilig werden?

In meinem vorigen Fazit habe ich geschrieben: Immer wieder wird das eVscope als "Spielzeug" bezeichnet, vor allem, wenn es mit der "echten" Astrofotografie verglichen wird. Damit sind zumeist seine eingeschränkten Möglichkeiten (Bildqualität, Flexibilität) gemeint. Aber auch der leichte Zugang zu DSO könnte das eVscope zu einem Spielzeug machen, weil man in recht kurzer Zeit die schönsten DSO gesehen hat und das Beobachten danach langweilig wird, denn die Qualität der Fotos läßt sich kaum steigern. Und dass es schnell geht mit dem Sammeln von DSO mit dem eVscope habe ich bald selbst erfahren. So viele DSO in so kurzer Zeit habe ich noch mit keinem Teleskop gefunden!

Seit dem letzten Fazit habe ich fast ein halbes Jahr mit dem eVscope beobachtet, und natürlich oft auch dieselben Objekte. Kann das langweilig werden? Jein, würde ich inzwischen sagen. Zum einen ist die Qualität der Fotos je nach Himmelsqualität sehr unterschiedlich, so dass man nach längerer Zeit ein wenig auf die Jagd nach dem bestmöglichen Foto geht. Zum anderen sehen sich die Fotos dann doch schon immer wieder recht ähnlich. Insofern wird eine gute Vorbereitung immer wichtiger, damit das Ganze tatsächlich nicht langweilig wird. Und sollte man auch immer wieder nach neuen Objekten schauen, um seinen Objektkatalog und -horizont zu erweitern.

Fazit

Im großen und Ganzen teile ich ein halbes Jahr später die Einschätzungen meines ersten Fazits, gebe aber zu, dass das Beobachten mit dem Vscope langweilig werden könnte, wenn man immer nur dieselben Objekte beoachtet, weil man sich nicht gut vorbereitet hat.

 

Abschluß

Ich bin froh, an der Kickstarter-Kampagne für das eVscope teilgenommen zu haben, es bereits ausgeliefert bekommen zu haben und es trotz eines ziemlich holperigen Starts bereits ausführlich nutzen zu können. Ich werde es nicht mehr hergeben - und hoffe, dass diese Meinung noch eine ganze Reihe von Jahren Bestand haben wird (und das eVscope auch). Vielen Dank Unistellar für dieses großartige Teleskop!

 

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09.10.2020